Barbara Sommerer | Zeitgeschehen
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Hotelier des Jahres 2019

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Spektakuläre Fluchten

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Richard Oetker und die Hilfsorganisation “Der weiße Ring”

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Ich bin die Erinnerung von morgen.

Vorwort zum Buch „Was in Erinnerung bleibt, stirbt nicht“*, Herausgegeben von E. Kiesewetter-Giese

Ich bin die Freundin der Tochter einer Autorin, die sich in diesem Buch* für uns erinnert. Ich kannte sie davor nur als Mutter meiner Freundin.

Auch ich bin Mutter. Und Ehefrau und schon Oma. Ich bin die Nachbarin von gegenüber und die Frau am Fenster; die Unbekannte auf der Straße und eine Fremde im anderen Bezirk. Ich bin Freundin, hoffe es; bin eine Frau und manchmal ein kleines Mädchen. Ich bin alt und jung.

Tochter war ich. Meine Mutter sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue. Und Flüchtling war ich auch. Von Ostdeutschland nach Westdeutschland und wieder zurück. Doch beides ist vorbei. Was bleibt, sind die Fragen nach dem Leben, die meine Mutter vielleicht schon als zwanzigjährige hatte, als sie den Wohnungsschlüssel wie gewohnt in den linken Stiefel steckte. Dem roten mit der Blume an der Seite und ihn wieder zurück ins Regal stellte. Draußen auf das oberste Brett im Flur.

Ja, sie hatte zwei Mal zugeschlossen. Ja, der Herd war aus. Noch einen schnellen Kuss dem Vater. Er stand seit Minuten neben ihr und schaute sie an, den dicken Schal umgebunden, den Filzmantel um die Schultern gehangen. Sein Heimaturlaub war vorbei. Sie nahm den Koffer, in der die Stiefel nicht mitkonnten. Und auch nicht die Kleider, und nicht die ersten Liebesbriefe, nicht das Poesiealbum und nicht die Freundin von nebenan. 1945. Breslau. Januar. Bitterkalt. Chaos. Angst. Winter. Die zur Festung erklärte Stadt muss sofort verlassen werden. Wohin? Ihr Vater wieder in den Krieg. Meine Mutter auf zur Flucht. Auf bald. Beide hatten noch die Wärme des anderen in der Hand; von dieser letzten Umarmung, was sie da noch nicht wussten; und sahen die kilometerlangen Flüchtlingstrecks im eisigen Schnee vom Zugfenster aus. Jeder für sich.

Wie lange war wohl der Andere noch zu spüren? Und was ist aus den roten Stiefeln geworden und wer hat die Tür aufgeschlossen? Hat jemand die Briefe gelesen und das Eingeweckte gegessen? Steht das Bett noch unterm Fenster? Und der Apfelbaum? Sitz da jemand und schaut vergnügt? Was wurde aus ihrer Freundin? Warum konnte ich keinen Großvater haben? Und ziehen die Wolken immer noch so schön vorbei und die Kähne auf der Oder? Wie viel Wasser hat sie? Viel oder wenig? Wird alles immer weniger? Oder mehr? Was muss man dafür tun? Was bleibt? Was ist Zeit? Wer kann es bezeugen? Zeit. Zeugen. Zeitzeugen. Was für ein Wort. Wofür braucht man sie? Und wie ist das mit dem Erinnern?

Erinnerungen können einschlagen wie große Blitze und man hat Angst davor. Aber auch wie klitzekleine, die unser Herz sanft reanimieren. Während ich das hier schreibe muss ich weinen. Dann hebt sich mein Kopf und ich schaue aus dem Fenster und sehe meine ganze Familie glücklich vor mir. Plötzlich weiß ich es – Zeitzeugen sind der Horizont der Geschichte. Meistens ist der Blick zu ihnen verbaut. Man muss sich schon auf den Weg machen. Und an manchen Tagen, wenn man alles hinter sich lässt und am Meer der Tränen steht und die Luft klar ist, öffnet sich vor uns die Weite und man sieht die leichte Krümmung des Horizontes und versteht für einen kurzen Moment, dass die Erde rund ist.

Ich seufze und blicke mich um. Mein Enkelkind springt herum und will die Wellen besiegen. Ich hebe es hoch und hopse und hopse und hopse mit ihm vor lauter Glück. Sein Lachen ist da und die Wärme der Sonne und ich. Und du vielleicht auch.

Und ich wünsche dir, dass du den Mut hast, dich zu erinnern, wie die, die sich hier erinnert haben. Und das Glück, diese Erinnerungen weitergeben zu können.

Wer ich bin?

Ich bin die Freundin der Tochter einer Zeitzeugin.

Ich bin die Erinnerung von morgen.­­­­­­­­­­