Barbara Sommerer | Geschichten
51316
page-template-default,page,page-id-51316,edgt-core-1.2,ajax_fade,page_not_loaded,,vigor child-child-ver-1.0.0,vigor-ver-2.3, vertical_menu_with_scroll,smooth_scroll,fade_push_text_top,wpb-js-composer js-comp-ver-5.7,vc_responsive

Der Student

„Und sag schon, wie ist er denn jetzt?“ fragte mich meine Freundin.

Matéo war gestern angereist. Zwei Tage zuvor hatte er in Bordeaux noch seinen Geburtstag gefeiert. Nun, dreiundfünfzig, war er für eine Woche in Berlin und wollte Deutsch lernen. Ich allein war seine Gastfamilie. Mehr hatte ich nicht gewusst. Die Spekulationen meiner Freundinnen waren lustig. „Ein Franzose? Oh, là, là!“ „Bestimmt hat er sich die Reise selbst zu seinem Geburtstag geschenkt.“ „Nimm dich in acht“, kicherten sie und meine Tochter runzelte die Stirn. „Er ist zu alt für einen Studenten. Ich will keine Geschichten hören.“ Und ich wollte auch keine. Ich habe nicht einmal daran gedacht.

Nachdem er seinen Koffer abgestellt hatte, habe ich ihm ein bisschen die Gegend und den Mauerpark gezeigt. Sonntag ist immer Karaoke. Die meisten Menschen, deren Stimmen man dabei zu hören bekommt, würden in Italien mit Tomaten beworfen werden. Aber in Berlin ist alles schön, auch schlecht singen. Wir haben nebeneinander gesessen, die Abendsonnenröte in unseren Brillengläsern, und über die Karaoke und den Flohmarkt und die tausend anderen Menschen hinweg in den Berliner Himmel geschaut. Später kochte ich. Kartoffeln und Spargel. Wir sprachen über Politik und Frankreich und die Schweiz, wo Matéo in Zukunft arbeiten wollte, und wofür er meine Sprache brauchte. Danach wusste ich, dass er Arzt war und verheiratet und Söhne hatte. Nun war er also schon den zweiten Tag da und ich antwortete meiner Freundin am Telefon: „Langweilig“.

Matéo ging jeden Tag um halb neun in die Schule. Dort blieb er bis kurz nach drei. Danach war er in der Stadt unterwegs und am Abend aßen wir zusammen und redeten. Ich machte ihm auch morgens das Frühstück, aß aber da niemals mit. Nach dem Essen telefonierte er und ich räumte die Küche auf. Seine Tür stand immer offen. Und wenn ich später als er nach Hause kam, saß er am Schreibtisch und arbeitete, hob den Kopf und lächelte still.

Am dritten Abend ging ich nach dem Essen zum Sport, am vierten schauten Matéo und ich zusammen einen Film. Wir starrten geradeaus zum Fernseher, wo sich ein Mann im falschen Leben befand. Die ganze Zeit. Zwischen uns der Tee und die deutsch-französischen Geschichten.

Am fünften Tag war ich nicht Zuhause, aber am sechsten wieder, Matéos letzten Abend in Berlin. Ein Freitag. Das erste Grün zeigte sich in der Stadt. Die Fenster standen offen. Rebecca aus New York war da und machte mit Julius und Annemarie, meinen kleinen Enkelkindern, amerikanische Pancakes. Sie lärmten, klapperten und lachten in der Küche. Und Matéo dazwischen am Herd. Dann saßen wir alle am Tisch, Eierkuchen, Früchte und Ahornsirup auf den Tellern, Zucker an den Händen; eine bunte Runde. Lustig, zufällig, gleich vorbei, nie wieder. Annemarie und Julius malten Bilder mit den Fahnen aus Amerika, Deutschland und Frankreich und verschenkten sie reihum. Rebecca hatte später noch ein erstes Date mit einem jungen Mann und war aufgeregt. „Sehe ich gut aus, oh mein Gott!“ Ich wollte unbedingt wissen, wohin sie gehen und bestand darauf, dass sie noch vor Mitternacht wieder in ihrem Apartment war. Ungeküsst. Schließlich war es das erste Mal. Und Matéo gab mir Recht. Dann war sie weg, ihre Ringe, die sie zum Teig Kneten abgelegt hatte, lagen noch in der Küche. Und die Kinder im Bett. Und wir standen vor unseren Zimmertüren im Flur.

Am nächsten Morgen gingen wir uns unsicher aus dem Weg. Zum Hinsetzen war zu wenig Zeit, zum Gehen zu viel. Matéo hatte schon gepackt. „Wann musst du denn los?“ „In einer halben Stunde.“ „Wollt ihr auch raus? An den Wannsee, vielleicht”, fragte ich die Kids, “wir könnten Matéo noch ein Stück begleiten.“ „Wirklich? Oh, ja“, hallte es durch die Wohnung. „Dann beeilt euch, wir haben nicht mehr viel Zeit, sonst verpasst er noch sein Flugzeug. Also, Zähne putzen und anziehen.“ „Du fliegst mit einem Flugzeug“, baute sich Julius vor Matéo auf, „weißt du, ich bin auch schon geflogen. Aber mit einer Rakete. Die ist so hoch geschossen“, er riss seine kleinen Arme auseinander, die jetzt bis zum Mond reichten, „bis zum Mond. Und dann noch um die Erde, ein paar Mal und dann nach Australien, das war gleich dahinter…“ „Ja“, sagte ich, „und Conny, dein Freund, war auch mit dabei. Und Igi, dein Igel. Aber ihr habt immer vergessen, eure Zähne zu putzen.“

Und dann mussten wir los. Matéo mit seinem Rollkoffer. Und ich mit einem Rucksack auf dem Rücken und an jeder Hand ein lustiges Kind. Die Sonne schien. Es war ein Samstag, wie er sein sollte, wenn eine Familie einen Ausflug macht. Als ich die Fahrkarten aus der Tasche kramte, nahm Matéo Julius Hand. Und so liefen wir dann weiter. Hand in Hand und Hand in Hand, zusammen unterwegs, wie andere auch.

In der Bahn saßen Annemarie, Julius und ich auf der Bank; und Matéo stand davor, neben ihm sein Koffer, und schaute die Leute an, dann lange uns, und dann Berlin, das an uns vorbeirauschte. Was er wohl dachte? Noch zwei Stationen. „Kommt, sagt mal auf Wiedersehen.“ Ich stand auf und wir sahen uns und dann umarmte ich ihn schnell. Dann Annemarie. Dann Julius. Drei letzte Umarmungen, eine um seine Schultern, eine um seinen Bauch, eine um seine Hüften. Die anderen Fahrgäste lächelten und freuten sich über uns, aber was wussten sie schon, und Matéo war rot geworden. Und dann stand er auch schon draußen auf dem Bahnsteig, Matéo, der Himbeeren mag und spazieren gehen, aber nicht gerne tanzt. Der schon mal in Hundescheiße getreten ist und noch nie mit einem Fallschirm gesprungen war. Er stand etwas verloren da und dann war unsere Bahn auch schon vorbei. Später schickte er ein Foto mit lauter Flugzeugen drauf und die Nachricht: „Ich habe gesucht, aber es war keine Rakete da.“

Aber da waren wir schon am Wannsee und hatten alles im Strandbad für uns allein, die Verkäuferin der Tickets und den Blick auf die Segelboote. Die 260 Strandkörbe, die 1.275 Meter Sandstrand, die Umkleidekabinen, die Gänge, alles war menschenleer. Es war viel zu windig und kalt, um an einem See zu sein. Ich hatte vergessen die Gummistiefel einzupacken und warme Pullover. Wir spielten Verstecken zum Aufwärmen und schauten zwischendurch immer wieder zu den Wolken. Wir wollten Sonnenlöcher haben und sein Flugzeug sehen.

Auf dem Rückweg spülte uns der Zufall am Alex aus der S-Bahn. Der Platz war voller Feuerwehrleute, die zum Internationalen Treppenlauf angereist waren. Wie unterschiedlich die Uniformen aussahen. New Yorker, Schweden, Italiener, Frankfurter… Alle waren da, um die 115 Höhenmeter des Park Inn Hotels über 770 Treppenstufen zu meistern. Immer zwei in einem Team gingen mit jeweils 25 Kilogramm Ausrüstung auf dem Rücken und in voller Montur an den Start. Alles Männer, die mit Respekt und Stolz unterwegs waren.

Und mit Liebe und Gepäck. Wie Matéo nach Bordeaux.

(by BARBARA SOMMERER)